Heather Martin

Die beste Art, sich mit einer Maschine zu verknüpfen

„Nur weil Technologie etwas ermöglicht, bedeutet es nicht zwangsläufig, dass es das Richtige ist.”

Heather Martin gilt als Pionierin im Bereich des User-Experience-Designs (UX) und als versierte Expertin des Interaktionsdesigns. Als Vizepräsidentin der in London ansässigen Agentur Smart Design leitet sie weltweit multidisziplinäre Teams zur Entwicklung weitgreifender Projekte an der Schnittstelle von Mensch und Maschine.

Martins Arbeit umfasst stets sowohl lehrende als auch beratende Tätigkeiten. Sie unterrichtete am Londoner Royal College of Art sowie am Interaction Design Institute Ivrea (IDII) und war Mitbegründerin des Copenhagen Institute of Interaction Design. Zuvor zeichnete Martin bei der Londoner Designberatung Tangerine und war für maßgebliche Projekte verantwortlich. Bei IDEO war die Zusammenarbeit mit dem Architekten Rem Koolhaas ein Höhepunkt, mit dem sie eine interaktive Ankleidekabine für Pradas Flagshipstore in New York City umsetzte.

Sie ist derzeit bei Smart Design treibende Kraft im Bereich des Service Designs und legt einen besonderen Schwerpunkt darauf, ein disruptives, von Grund auf neu gedachtes Nutzererlebnis in höchst standardisierten Industrien zu schaffen. Die Designerin folgt der Überzeugung, dass Hersteller das Nutzererlebnis von Produkten verbessern und die Kundenbindung fördern können, indem sie die Anwendung stärker individualisieren.

 

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Kiss Communicator, IDEO

 

Martin wurde u. a. von Business Week mit Gold und Bronze ausgezeichnet und zählte 2009 laut Wallpaper Magazine zu den „40 einflussreichsten Designern unter 40“. Sie hält Vorträge zu Themen wie der Zukunft der Mobilität und der digitalen Umwälzung in der Wirtschaft und konnte ihre Expertise bereits für Kunden aus den Bereichen Home-Entertainment, Gesundheit und Transport einbringen, darunter Lufthansa Technik, HSBC Privat Bank und Ford. Sowohl in der Zusammenarbeit mit ihren jüngeren Kollegen bei Smart Design als auch bei der Bewertung von Talenten, z. B. mittels des Braun Preises, setzt sich Martin für ein ganzheitliches Denken bei der Umsetzung von lebensnahen Designideen ein.

 

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Interaktive Ankleidekabine, Prada NYC

 

Freo Majer im Gespräch mit Heather Martin

Was beschäftigt dich zurzeit? Welche Fragen oder Herausforderungen mit Blick auf die Zukunft wecken dein Interesse?

Im Moment liegt mein Fokus auf der Entwicklung von neuen digitalen Nutzererlebnissen für den Automobil- und Luftfahrtsektor. Es ist eine spannende Zeit für die gesamte Transportbranche, weil diese, wie viele andere Bereiche, eine massive Umwälzung erlebt. Airbnb änderte das Hotelgewerbe, Uber die Taxi-Branche, und jetzt wird die Autoindustrie umgewälzt, indem die Menschen zunehmend Autos on demand ordern. Dieses sich wandelnde Verhältnis zum Autobesitz hat zur Folge, dass Automarken wie Ford ihr Geschäftsmodell überdenken und weniger als Autohersteller denn vielmehr als Mobilitätsunternehmen verstanden werden möchten. Was die Arbeit an zukünftigen Mobilitätslösungen faszinierend macht, ist, dass wir als Designer das Potenzial haben, die Gesellschaft zu beeinflussen, indem wir uns mit Fragestellungen der Umweltverschmutzung und des Verkehrskollaps auseinandersetzen. Als Designer sollten wir immer Lösungen bieten, die die Welt positiv beeinflussen.

Wie gehst du bei deiner Arbeit vor?

Ich habe einen ganzheitlichen Designansatz. Ich arbeite an Projekten, die zugleich gegenständlich und digital sind, und arbeite mit interdisziplinären Teams bestehend aus Strategen, Forschern, Designern und Technologen. Diese Arbeitsweise liegt mir, weil ich selbst in verschiedenen Disziplinen gearbeitet habe. Ich begann meine Karriere als Produktdesignerin und wechselte in den frühen 1990er Jahren zum Interaktionsdesign, weil damals sehr viele Produkte mit digitalen Technologien ausgestattet wurden – was zwangsläufig bedeutete, dass sie einen Bildschirm hatten. Für das Gestalten von physischen Produkten wurde es immer wichtiger zu verstehen, mit welcher Funktionalität jene Produkte im Gegensatz zum Bildschirm ausgestattet werden sollte. Beim Interaktionsdesign geht es darum, die beste Schnittstelle für die Mensch-Maschine-Interaktion zu erkennen. Wir sind inzwischen sehr vertraut damit, uns über einen Bildschirm mit einer Maschine zu koppeln, aber es gibt etliche andere Möglichkeiten wie die Stimme oder Gesten. Ich bin daran interessiert, neue Wege zu erforschen, sich mit einer Maschine zu verknüpfen.

Meine ganze Arbeit widmet sich der Technologie und deren Potenzial. Ich versuche immer, mit Menschen zu arbeiten, die genau diese Möglichkeiten ausloten möchten und sich nicht von der Technologie blenden lassen. Nur weil es mittels der Technologie möglich ist, etwas zu tun, bedeutet es nicht unbedingt, dass es das Richtige ist. Ich sehe sehr oft Technologien, die um ihretwillen angewendet werden, anstatt sie zu benutzen, um Paradigmen unser Lebens-, Arbeits- und Spielweise zu verändern.

Warum nimmst du an Forecast teil?

Ich möchte angeregt werden, anders zu denken, mich neuen Herausforderungen zu stellen und den Status quo anzuzweifeln. Bei Forecast geht es darum, beim Schaffen von etwas Neuem eine „Partnerschaft“ auf Augenhöhe zu haben. Ich habe ein gewisses Set an Erfahrungen, und so möchte ich mit einer Person zusammenarbeiten, die mich dazu bringt, anders zu denken. Ich möchte herausgefordert und inspiriert werden. Wir beide sollten das Gefühl haben, in diesem Prozess zu wachsen und zu lernen. Alles verändert sich ständig um uns herum, und so können wir uns als Designer nie mit dem Status quo zufriedengeben. Ich habe viel Zeit als Beraterin von Studenten verbracht und genieße dabei vor allem den Dialog, der daraus entstehen kann. Es öffnet mein Bewusstsein, anders zu denken.

Was interessiert dich am Mentoring-Prozess? Was kannst du einem Mentee bieten?

Ich habe eine 25-jährige Expertise im Gestalten interaktiver Produkte, Dienstleistungen und Umgebungen. Ich möchte mit jemandem arbeiten, der offen, flexibel und inspirierend ist. Es ist mir wichtig, dass die Person etwas Neues schaffen möchte, das zudem einen positiven Einfluss auf die Welt nimmt. Ich bin offen für jegliche Disziplinen (Interaktions- oder Produktdesign oder visuelle Gestaltung), aber er oder sie muss ein Interesse daran haben, ein neues digitales Produkt oder eine Dienstleistung mit Relevanz zu entwickeln.

Es ist genauso wichtig, dass der Mentee fähig ist, seine Ideen zum Leben zu erwecken. Das bedeutet, wann immer möglich, ein Produkt oder eine Dienstleistung zu einem funktionierenden Prototypen zu entwickeln, um die Idee aus erster Hand erlebbar zu machen. Jemand mit Interesse an Informatik, Programmierung bzw. Elektronik, oder mit einem entsprechenden Hintergrund. Die jeweilige Lösung sollte die Technologie in den nächsten drei bis fünf Jahren aushebeln und idealerweise zum Ziel haben, die Paradigmen davon zu ändern, wie wir zurzeit mit digitalen Produkten interagieren.

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